Eins, zwei, drei, Verlag 3.0, wer ist dabei?

8. Februar 2011 § 25 Kommentare

Mich beschäftigt derzeit eine spannende Frage: Werden und müssen Buchverlage sich künftig über die Branchengrenze hinaus neu positionieren – müssen sie neben ihrem eigentlichen „Verlagsgeschäft“ neue Angebote schaffen und sich neue Kompetenzen aneignen, um den Veränderungen am Markt trotzen zu können? Dazu möchte ich auf einen interessanten Blogpost hinweisen. Darin heißt es:

Das technische Verbreitungsmedium Internet war das Aus für viele Verwertungsmodelle der Kreativwirtschaft. Es wird auch das Aus für die Branchengrenzen innerhalb der Kreativwirtschaft sein. Deshalb stellt sich für Unternehmen bei der Auseinandersetzung mit neuen Geschäftsmodellen zuerst die Frage, in welcher Branche sie sich morgen bewegen werden.

Das schreibt Hergen Wöbken, Geschäftsführer des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) in Berlin in dem Blogartikel Wer nicht experimentiert, verliert – über das Ende der Branchengrenzen in der Kreativwirtschaft. Bedeutet das für (Buch-)Verlage künftig, dass diese sich neben der Erstellung von Printprodukten sowie neuen elektronischen Formen, wie Apps und E-Books, auch als Produzenten in den Bereichen Kunst, Kultur, Musik, Film und Internet beweisen müssen, um sich von großen monopolartigen, eierlegenden Wollmilchsäuen nicht abhängen zu lassen?!

Weiter – wenn auch aus etwas anderer Perspektive –  geht in der Fragestellung Ehrhardt Heinold von der Heinold, Spiller & Partner Unternehmensberatung GmbH. Er beschäftigt sich neben neuen Geschäftsmodellen mit der strategischen (Neu-)Ausrichtung von Verlagen und „fordert“ den neuen Typus Verlag 3.0:

Der Verlag 3.0 bietet nicht nur Medien in allen Formen und Formaten, sondern vernetzt sich zudem intensiv mit seinen Kunden. Kernkompetenz des Verlages ist die Erfüllung von Kundenwünschen, erstrangig in den Bereichen Information und Unterhaltung, zunehmend aber auch in Servicebereichen.

Das Erstellen von Content und die mehr-mediale Aufbereitung dieser Inhalte werde zukünftig nicht mehr ausreichen. Die Verlage müssten mehr auf innovative und flexible Services, Kundenkommunikation und -vernetzung sowie neue Produktlösungen setzen.

Ich bin der Meinung, im Mittelpunkt muss der Kunde mit seinen individuellen, persönlichen Bedürfnissen und Wünschen stehen. Und die Kunden dürfen nicht als dasselbe anonyme Einheitswesen betrachtet und nach dem Motto ‚one-size-fits-all‘ bedient werden. Es geht um eine sinnvolle Ergänzung der bestehenden, klassischen Print-Produkte durch maßgeschneiderte und kundenorientierte Zusatzprodukte. Auf der einen Seite: Informationen, Specials und exklusive Angebote zum Buch, zum Thema drum herum, über den Autor; darüber hinaus Foto-, Audio- und Filmmaterial, interaktive Inhalte, Anwendungen und Spiele, verknüpft mit speziellen (realen) Events und Aktionen, wie z.B. Alternate Reality Games und local-based Services, bis hin zum live-moderierten Austausch innerhalb einer eigenen Web-Community. Andererseits sind Tutorials, web-based Trainings, Webinare, Networkingveranstaltungen, Workshops, Camps, Messen für spezielle Kundengruppen und vieles mehr denkbar.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Was funktioniert, was bei den Menschen ankommt, kann mittlerweile sehr gut in Social Media beobachten werden. Dort geht es in erster Linie um Menschen, deren Emotionen wie auch Begeisterung für Geschichten und Gespräche. Menschen erfahren, erleben und erzählen sich gerne Geschichten, sie wollen teilhaben an interessanten und spannenden Gesprächen. Sie sind bereit, wenn sie „mitten ins Herz getroffen“ wurden, diese Erlebnisse weiter zu tragen und zu empfehlen. In die Leser, in deren Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse müssen sich Verlage hineinversetzen, also mittels Social Media, wo es möglich ist, mit der Zielgruppe auf Augenhöhe und einem hohen Maß an Interaktion, Dialog und Service zu kommunizieren. Produkte und Zusatzangebote müssen künftig noch mehr erlebbar sowie spürbar werden und mit dem Leser noch enger zusammenrücken. Nur so kann eine intensivere und nachhaltigere Integration und Vernetzung von und mit bestehenden wie auch potenziellen Kunden stattfinden.

Welche Verlage stellen sich ernsthaft dieser Aufgabe und der damit verbundenen Herausforderungen an Management und Marketing-Know-how sowie technischer, finanzieller und personaler Ressourcen und machen mit beim Experiment Verlag 3.0?

Positionierung ist auch in Social Media erforderlich

1. Dezember 2010 § Ein Kommentar

Verlage und Buchhandlungen erkennen vermehrt die Chancen von Social Media. Bei der Definition einer Social Media-Strategie beginnen viele jedoch nicht mit dem ersten Schritt, sondern gehen gleich in die Umsetzung von einzelnen Maßnahmen. Ausgangsbasis sollte jedoch stets eine saubere Marktpositionierung sein, auf deren Grundlage sich Ziele und Konzepte für Social Media-Aktivitäten ableiten lassen.

Bislang ging es in Unternehmen der Buchbranche, die sich mit Facebook, Twitter und Co. beschäftigt haben, vor allem darum, herauszufinden,
1.       was Social Media eigentlich sind und was sie auszeichnen,
2.       was sie Unternehmen bringen bzw. bringen könnten,
3.       ob man mitmachen soll,
4.       wer das im Unternehmen macht,
5.       dass es einer Strategie, Ziele, bestimmter Richtlinien der Kommunikation bedarf.

Viele Verlage dürften hier noch nach Antworten suchen, viele dürften sich auch der Notwendigkeit von Antworten nicht recht bewusst sein. Diese Erkenntnis ergibt sich, wenn man sich exemplarisch Facebook-Präsenzen und Twitter-Accounts mancher Verlage (aber auch von Unternehmen anderer Branchen) ansieht. Oft scheinen sich die Verlage nicht darüber im Klaren zu sein, wie sie Fans und Follower erreichen möchten, und was die Aktivitäten insgesamt bringen sollen.

Und wie sieht es mit dem „Wie machen wir das“ und „Warum machen wir das so“ aus? Teilweise sind die Unternehmensseiten auf Facebook nett anzusehen, und es ist Engagement zu spüren. Doch leider all zu oft ist nur ein bunter Reigen von … , ja, von was eigentlich zu erkennen?

Gehen wir einen Schritt zurück. Dass sich Verlage mehr und mehr mit Social Media beschäftigen, kann man allein der mittlerweile branchenbekannten Statistik der Web-Initiative „Ich mach was mit Büchern“ entnehmen. Monatlich werden seit gut einem Dreivierteljahr Verlage in einem Ranking mit ihrer aktuellen Fanzahl auf Facebook und der jeweiligen Entwicklung gegenüber dem Vormonat gelistet. Insgesamt ist festzustellen: das Engagement wächst. Es gibt keine „offizielle“ Listung für Twitter oder Youtube-Kanäle, doch ist mit ein wenig Recherche auch dort ein Aufwärtstrend zu erkennen. Man beschäftigt sich also mit dem Thema, das in aller Munde ist, man weiß aber leider in vielen Fällen nicht so richtig, wie man darangehen soll. Warum ist das eigentlich so?

Alle Marketingaktivitäten auf Basis der Marktpositionierung koordinieren

Was machen die Verlage außerhalb von Facebook und den anderen sozialen Kanälen? Sie machen das, was sie gelernt haben und beherrschen. Sie publizieren Inhalte und Programme, vermarkten Autoren, neuerdings erstellen sie innovative (digitale) Produkte. Im besten Fall haben sie sich am Markt einen bestimmten Ruf, ein Image, eine Stellung und sogar eine bekannte Marke erarbeitet. Und einige wenige haben sich sogar schon erkennbar im Markt positioniert.

Zu einer erfolgreichen Positionierung im klassischen Sinne gehören: Unternehmensgrundsätze und eine Unternehmensphilosophie,
langfristige und Erfolg versprechende Unternehmensziele, eine Bedarfslücke schließen zu können, Kundenorientierung, eine bestimmte Markt-Führerschaft (Qualität, Technologie, Kosten, Nische), stets den Wettbewerb im Blick haben und verstehen, kritische Erfolgsfaktoren beherrschen sowie Stärken und Schwächen zu erkennen und zu optimieren. Entscheidend ist, dass die angestrebte Position den Unterschied zur Konkurrenz deutlich macht, und dass an dieser Position auch ausreichend viele Kunden die angebotenen Produkte nachfragen.

Von der Positionierung zum Social Media-Konzept

Ein Verlag ist auf dem richtigen Weg zur erfolgreichen Positionierung, sobald aus Sicht der Kunden ein Alleinstellungsmerkmal wahrgenommen werden kann, d.h. ein bestimmtes Produkt weist gegenüber Alternativen von Mitbewerbern einen erhöhten Kundennutzen aus. Es geht also darum, ein Nutzenversprechen („emotionaler Benefit“) und einen echten Nutzen („faktischer Benefit“) zu liefern und zu kommunizieren. Die Fragen, warum ich als Kunde dieses Produkt erwerben muss („Reason Why“) und was es mir bringt (Verwendungssituation) müssen eindeutig und zu 100% positiv beantwortet werden können. Dies alles muss so kommuniziert werden, dass sich der Kunde damit identifizieren kann und sich darin wieder findet.

Doch wo und wie wird dies auf Facebook oder Twitter vermittelt? Es scheint, als wüssten viele Verlage auf einmal nicht mehr, wer sie sind und für was sie eigentlich stehen. Der Kunde oder die Zielgruppe spielen heute eine entscheidende Rolle bei der Positionierung. Denn diese nehmen die Botschaft, die das Unternehmen durch seine gewählte Positionierung vermittelt, an oder eben nicht.

Drei Fragen sollten bei der Positionierung einer Social Media-Marketingstrategie beantwortet werden:
1.       Welche Vertriebs-, Markting- und Kommunikationsziele ergeben sich aus der Positionierung (des Verlages, einzelner Programmbereiche, einzelner Titel oder Autoren)?
2.       Welche Konzepte lassen sich aus diesen Zielen für einzelne Social Media-Plattformen ableiten?
3.       Wie erfolgt die Koordination mit den anderen Marketingmaßnahmen?

Vom Markenmarketing zur Kommunikation und Interaktion

Social Media, von denen man heute bereits als Märkte spricht, funktionieren anders als die klassischen, realen Märkte. Im sozialen Netz übt der User einen ganz starken Einfluss aus. Er übernimmt als Fan und Follower zu großen Teilen die Positionierung. Dies tut er, indem er sich bewusst einbringt in „Unternehmensprozesse“, sei es Marketing, Presse oder Kommunikation bspw. über Weiterempfehlungen, Rezensionen, Produktbewertungen, Veranstaltungsberichte, Blogbeiträge oder Kommentare, durch das Gründen eigener Gruppen zu einem Thema usw. usf. Und er könnte in Zukunft noch stärker und direkter Einfluss auf die Entwicklung von Produktideen, die Produktion oder die Qualitätssicherung ausüben, wenn man dies denn wollte. User Generated Content ist gegenwärtig kein Rand-Thema mehr. Wir sprechen vom Prosumenten, den Konsumenten, der sich über seine Aktivitäten, Meinungen, Reaktionen und Engagements in die Entstehung von Produkten bereits gehörig einmischt.

Die Chancen und Potenziale sind vorhanden. Als Unternehmen kann man Fans, Follower und somit (potenzielle) Kunden über die sozialen Kanäle gut ausfindig machen, kontaktieren und mit Ihnen in einen Dialog treten. Selbst hierbei hilft die Community durch Empfehlungen und Vorschläge zur weiteren Vernetzung intensiv mit. Warum liegt das vielen Buchhandels- und Verlagsunternehmen so fern? Warum fällt es Ihnen so schwer, mit den Usern in Kontakt zu treten, sie nach ihren Wünschen, Bedürfnissen, Anregungen und Ideen zu befragen? Gerade Verlage, die es verstehen müssten, zu kommunizieren! Die Unternehmen sollten versuchen, Fans und Follower viel mehr in ihr Geschäft mit einzubeziehen. Erreicht werden können diese ebenso in Social Media, wenn ihnen klare Nutzen und Vorteile aufgezeigt werden, vorausgesetzt, die entsprechende Tonalität wird getroffen und relevante Inhalte und Informationen werden vermittelt. Gerade das kann sehr gut in Social Media herausgefunden werden, indem man den Gesprächen dort zuhört und sich auf das Verhalten und die Kommunikation der Teilnehmer einlässt.

Unternehmen müssen sich auf die Positionierung im Web2.0 einlassen, ansonsten werden die User zur Konkurrenz wechseln. Entscheidend ist aber, die User in den Positionierungsprozess zu integrieren.

Der Artikel ist ebenfalls in der Dezember-Ausgabe des Newsletters der Heinold, Spiller & Partner Unternehmensberatung GmbH zu finden.

Große Chancen für Austausch, Dialog und Vernetzung

3. Oktober 2010 § 2 Kommentare

Anlässlich der ab der Buchmesse offiziell startenden Kooperation zwischen der Heinold, Spiller & Partner Unternehmensberatung GmbH und mir interviewte mich Ehrhardt Heinold zum Thema Online Marketing und Social Media in Verlagen. Dieses Interview ist ebenso im Oktober-Newsletter der Hamburger Unternehmensberatung für Verlage erschienen.

Online-Marketing im Verlag: „Große Chancen für Austausch, Dialog und Vernetzung“

Online-Marketing hat eine wachsende Bedeutung für Verlage: Immer mehr Leser nutzen das Internet – zur Information, zum Austausch, und auch zum Kauf. Wie können Verlage diese wachsende Bedeutung in ihrer Marketingstrategie umsetzen? Welche Chancen sollten sie nutzen, welche Wege gehen? Im folgenden Interview spricht Carsten Raimann über Herausforderungen und Umsetzungsmöglichkeiten.

Welche Chancen bietet Online-Marketing Verlagen?
Carsten Raimann: Die größte Chance im Online-Marketing (OM) besteht heute im Austausch, im Dialog und in der Vernetzung zwischen einem Verlag und seinen Stakeholdern. Es geht dabei um ein „Miteinander“: miteinander sprechen und tun, einander zuhören und verstehen. Durch dieses Miteinander- und Zusammen-Wirken wird künftig eine deutlich höhere Sichtbarkeit, Wahrnehmung und Auffindbarkeit erzeugt werden. Durch das Einbinden von Interessenten, Lesern, Kunden wie auch Multiplikatoren in Unternehmens-Prozesse wie das Marketing, die externe Unternehmenskommunikation und auch in die Produktentwicklung – das kann ich mir besonders gut bei Fachverlagen vorstellen – sowie der glaubwürdige Transport von Qualität und einem klaren Profil nach außen werden sich auf eine positive Wahrnehmung und Stärkung des Images auswirken. Die Öffentlichkeit wie auch Stakeholder werden bereit sein, Produkte und den Verlag weiterzuempfehlen. Die Kanäle und Wege dafür stellen das Internet bzw. das Web2.0 schon längst bereit.

OM geht immer mehr weg vom Push-Marketing, also von dem was klassische Werbeformen bewirkten oder eben nicht bewirkten. Welche Reaktionen Plakatwerbung oder auch Printanzeigen auslösten, war ja nie richtig messbar. Abgesehen davon, sind diese Werbeformen teuer und mit hohen Streuverlusten verbunden. Im Internet kann man die Reaktionen nicht nur quantitativ messen, sondern man kann sie lesen, richtig interpretieren und qualitativ bewerten. Durch Dialoge mit potenziellen Käufern und Kunden entsteht ein Marketingprozess, in den diese sich einbringen und in dem sie sich engagieren können und werden.

Und wir finden heute bereits eine Vielzahl an niederschwelligen Angeboten  – im Social Media Bereich – vor, um mit der/den Zielgruppe(n) mit relativ geringem Aufwand in Kontakt zu kommen, sich fast schon persönlich zu treffen und sie vor allem kennenzulernen: Sei es der Verlag seine Leser bzw. umgekehrt wie auch Leser die Autoren. Marktforschung ganz nah an der Zielgruppe ist möglich und das auch noch kostengünstig. Man kann sie direkt nach Wünschen, Bedürfnissen und Ideen befragen. Oft muss man gar nicht mehr fragen, denn die Menschen im Web wollen ihre Meinung einfach loswerden und schreiben unzählige Berichte und Produktbewertungen in Blogs, Communities, auf Verkaufsplattformen oder eben in Social Media Netzwerken. Dies zeigt, ob ein Verlag das will oder nicht, es wird schon längst über ihn gesprochen. Wenn der Verlag diese Gespräche nicht teilnahmslos verfolgen will, sondern auch die Kontrolle darüber behalten will, dann sollten er sich einmischen und wie eingangs erwähnt einen Prozess des Miteinander in Gang setzen. Es wird heute schon oft von der These „Märkte sind Gespräche“ geredet – naja, ob sich natürlich mit Dialog allein Geld verdienen lässt?

Trotz alledem: Diese Möglichkeiten bieten vor allem das Web2.0 und Social Media, deshalb sprechen wir ja oft schon nur mehr vom Social Media Marketing und lassen leider nur zu gerne klassische Formen des OM (Website, Newsletter, Affiliate, Bannerwerbung) oder wichtige Bausteine wie SEO (Suchmaschinenoptimierung) oder SEM (Suchmaschinenmarketing) außer Acht! Wer diese grundlegende OM-Klaviatur nicht beherrscht, der braucht sich nicht zu wundern, wenn es mit Social Media nicht richtig läuft.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass OM vor allem all denjenigen Verlagen Chancen bieten wird, die mit einem gesunden Mix aus OM-Bausteinen sowie mit klar definierten Zielen und einer echten Strategie dahinter ans Werk gehen, sich kontinuierlich engagieren, transparent ihr Profil zeigen, glaubwürdig bleiben und gute inhaltliche Qualität abliefern.

Welchen Stellenwert im Rahmen des Marketing sollte Online-Marketing haben?
Carsten Raimann: Einen auf jeden Fall steigenden Stellenwert. Immer mehr Menschen beschäftigen sich im Internet mit Büchern und Literatur. Es wird informiert, recherchiert, gekauft, ja auch im Internet bzw. per  PC, mobilen, elektronischem Lesegerät selbst konsumiert und produziert, daneben rezensiert und  weiterempfohlen. Bücher, vielmehr Lesestoff, Inhalte und Informationen sind schon längst im Internet, sprich in Blogs, Foren, Bewertungsportalen und auf großen Handelsplattformen angekommen. Bücher zählen zu den meist gekauften Artikeln im Netz. Für das Buch im Internet zu werben müsste also Standard sein. Das ist oder sollte den meisten Verlagen klar sein. Die Frage ist ja auch nicht mehr „ob“ sondern „wie“.

Ich würde heute noch nicht die komplette Ablösung klassischen Marketings durch OM sehen. Viele Maßnahmen sind auch nicht durch OM zu ersetzen, bspw. eine Autorenlesung, der Messeauftritt oder die Teilnahme und Präsenz auf Veranstaltungen, also wo echter persönlicher Kontakt statt findet. Mit Hilfe von Web2.0 und Social Media kommt man dem persönlichen Live-Erlebnis vor Ort natürlich schon nahe. Der Livestream einer Lesung ist eine super Ergänzung. Sie ist damit (theoretisch) für eine endlose Zahl von Zuhörern möglich. Und es gibt Beispiele, wo das Publikum an den Bildschirmen zuhause per Twitter Fragen an den Autor richten darf.

Also, ein guter Strategie-Mix aus klassischen und modernen, elektronischen Marketing-Maßnahmen ist zu empfehlen. Und auch innerhalb des OM empfiehlt sich ein guter Mix aus vielerlei Maßnahmen, den es natürlich zu managen gilt, mit einem gewissen dafür notwendigen Budget, personellen Ressourcen und Kompetenzen und klar abgesteckter Strategie bzw. Zielen. Da dies in Verlagen oft nicht der Fall ist, kann man sehen, dass dort die Wichtigkeit oder der hohe Stellenwert noch nicht erkannt wurde. Dies wird sich ändern (müssen). Da die Interessenten und Käufer mehr und mehr ins Netz und die elektronische Welt abwandern muss ich doch als Verlag hinterher sein!

Für welche Marketingziele eignen sich die Social Media-Kanäle?
Carsten Raimann: Dass nicht alle Kanäle für alle Ziele gleichermaßen sinnvoll erscheinen können, zeigt uns schon die übermächtige Zahl verschiedener Social Media-Anwendungen. An dieser Stelle möchte ich das Social Media Prisma von ethority nennen (http://www.ethority.de/weblog/social-media-prisma/), wo die größten und wichtigsten Plattformen und Kanäle nach Themengebieten aufgezeigt werden. Es werden über 200 Plattformen wie auch Anwendungen in 25 Themenfeldern wie z.B. Social Networks, Blog/Communities, Foto, Video, Gaming, Location, …) genannt. Neben Facebook bei den Social Networks gehören auch bspw. myspace, kwick, die VZ-Netzwerke und viele andere dazu. Und all diese Netzwerke und Portale haben einen riesigen Zuspruch und somit ihre Existenzberechtigung.

Aber welches für welche Ziele? Was könnte ein Marketing-Ziel für einen Verlag sein? Nehmen wir, was heute für einen Verlag enorme Bedeutung hat, das Marken-Image als Beispiel. Wo kann ich, so ich es denn geschafft habe bestimmte Produkte oder den eigenen Verlag als Marke aufgebaut zu haben, mein Image positiv verstärken und festigen? Ein positives Image nach außen transportieren, funktioniert über die Transparenz, Authentizität, Ehrlichkeit und die Glaubwürdigkeit, die ich vermittle. Positive Meldungen, hohe Qualität, gute Leistungen werden gerne weiterempfohlen, von Multiplikatoren wie auch von zufriedenen Kunden. Wo tummeln sich Multiplikatoren, wo Ihre Kunden? Pauschal kann man das nicht sagen, eine Kenntnis der Zielgruppen würde darüber viel Aufschluss geben wie auch das sogenannte Social Media Monitoring. Hier geht es vor allem um das Zuhören und Mitverfolgen, wer sich wo aufhält und wie bewegt, sprich kommuniziert. Konkret am Beispiel eines Fachverlages meine ich, würde sich Twitter eignen um an Fachleute, Presseexperten, sprich Multiplikatoren heranzutreten und diese zu erreichen, aber auch fachspezifische Blogs oder Foren. Lehrer als eine mögliche Zielgruppe kann man sehr gut über das Thema „Wiki“ abholen und Facebook mit seinen „Fan“- bzw. „Unternehmensseiten“ bietet Möglichkeiten, um mit Endkunden in Kontakt und Dialog zu treten. Hier funktionieren größer oder längerfristig angelegte Aktionen auch besser. Über Twitter kann sich etwas schnell verbreiten, es geht hier um aktuelle, relevante, prägnante Info und News. Oder aber man schaut, welche Inhalte und Informationen man zu bieten hat. Wie lässt sich der Content eines Verlages aufbereiten und publizieren. Vielleicht sind hier auch Video-, Foto-, Audio-Plattformen oder Sharingdienste wie YouTube, flickr, myspace, scribd oder Communities sinnvoll. Alle sozialen Plattformen, teils eigenständig oder in Kombination eigenen sich mittlerweile sehr gut zur Markenführung, Image- wie Reputationsstärkung, vielleicht auch Kundenbindung. Die klassischen OM-Maßnahmen wie E-Mail-/Newsletter-Marketing zielen dagegen ganz klar auf Leadgenerierung und Umsatz ab.

Es gilt allgemein: Sind einmal die Ziele abgesteckt, können relativ leicht auch die Kunden und Zielgruppen im Netz entsprechend identifiziert und u.U. individuell und persönlich angesprochen werden.

Marketingbudgets in Verlagen sind begrenzt und werden zumeist durch Vorschauen und Anzeigen aufgebraucht – wie kann da zusätzlich noch ein gutes Online-Marketing umgesetzt werden?
Carsten Raimann: Ziel sollte sein, neben dem Aufbau von Image, Marke oder Reputation, auch echten Umsatz zu generieren. Sonst macht Online-Marketing auch keinen Sinn. Der Vorteil beim OM ist, dass ich sehr gut ROIs berechnen kann, da ja die Mehrzahl der Marketing-Aktionen sauber messbar sind. Wird ein Mehr-Umsatz erzielt, so müsste auch für OM mehr Budget vorhanden sein. Oder eben einen Teil des Budgets umschichten, bspw. teure Printanzeigen ersetzen, die enorme Streuverluste verursachen und was den Response angeht nicht messbar sind. Man könnte also diesen Teil des Budgets umschichten ins OM. Aber vielleicht lassen sich durch das Web2.0 auch an anderer Stelle Kosten sparen, bspw. durch den Einbezug von Kunden in den Produktentwicklungsprozess. Oder der Kundenservice läuft über Social Media-Kanäle. Sehr gut funktioniert das Thema Empfehlung Im Netz, um noch mehr (potenzielle) Kunden zu gewinnen – Kunden empfehlen Produkte weiter. Dafür braucht es oft nicht viel Zeit und Budget, eine einmalige kreative und witzige Idee kann sich „viral“ sehr schnell über das Netz verbreiten, und dies übernehmen Kunden und Anhänger für den Verlag. Wie genau sich letztendlich Social Media bzw. Online Marketing für Verlage rechnet, dazu braucht es noch eine gewisse Zeit um Erfahrungswerte zu sammeln.

Und betrachten wir nochmals den eingangs erwähnten wichtigen Baustein der Suchmaschinenoptimierung. Dies ist gar keine Aufgabe, die allein von der Marketingabteilung erfüllt wird. Im Gegenteil, vielmehr geht es darum, eine ganzheitliche Philosophie und eindeutige Regeln für die Kommunikation eines Unternehmens über sämtliche Online-Kanäle zu entwickeln und zu beachten. Das fängt bei der Technik an, die hinter der Website und dem eigenen Shop steht und reicht über Schlagworte wie „Verlinkung“, „Keywords“, „sauberer Code“ und „relevante Inhalte“ bis hin zu der Vereinbarung, wer was wo und vor allem wie kommuniziert. Wenn diese Anforderungen und Voraussetzungen erkannt wurden, dann muss das entsprechend kalkuliert werden. Dabei geht es um Investitionen für den künftigen Geschäftserfolg und nicht nur um einmaliges Budget für eine Werbeanzeige.

Online-Marketing reicht von Bannern über SEO bis hin zu Social Media – wie kann ein Verlag diese Vielfalt managen?
Carsten Raimann: Ja, das ist ein großes Problem, denn in den Verlagen fehlt es in dieser Hinsicht schlicht weg an Kompetenzen, Ressourcen und Kapazitäten, im Sinne von fachkundigem und geschultem Personal wie auch an Zeit und Geld. Heutzutage Online Marketing oder Social Media nebenbei zu „machen“, das geht vielleicht in kleinen schlanken Unternehmen mit flachen Hierarchien, wo oft eine Person (womöglich der Geschäftsführer) in Personalunion twittert und die Facebook-Fanseite betreut. Doch in großen Verlagshäusern müssen dafür neue Stellen und oftmals neue Strukturen geschaffen werden. Und je größer auch das Engagement bspw. in Social Media ausfallen und Social Media einen hohen Stellenwert im Marketing, in der Kommunikationspolitik oder gar in der Gesamtstrategie des Unternehmens einnehmen soll, desto professioneller muss dies betrieben werden. Die Beratung von außen hilft vielfach, die ersten Schritte zu gehen, grundlegend über Online Marketing aufzuklären, Möglichkeiten und Chancen aufzuzeigen, Ziele zu vereinbaren, eine Strategie zu finden, einen Themen-, Maßnahmen- und Zeitplan zu definieren, Kompetenzen und Ressourcen im Unternehmen aufzubauen und bei der Umsetzung zu begleiten. Nichts desto trotz müssen künftig neue Strukturen oder auch Modelle für Verlage geschaffen werden.

Weitere Informationen zu der geschlossenen Kooperation können in dem Blogartikel von Ehrhardt Heinold nachgelesen werden.

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