Die Verlagslabore Viktor & Pettl und generatedpaper.com

17. Februar 2011 § Ein Kommentar

Am vergangenen Montag traf ich Jakob Fricke, Mitbegründer des Hamburger Yanus Verlages und Inhaber von Vitkor & Pettl, ein Laborverlag, wie ihn Jakob Fricke selbst bezeichnet. Vitkor & Pettl will Bücher publizieren, die zwar von Anfang an digital gedacht und umgesetzt werden, aber auch parallel als gedrucktes (Teil-)Werk erscheinen sollen. Es geht dabei nicht um die digitale Substitution eines bereits bestehenden Printproduktes. Beides, das gedruckte Buch und die spielerisch interaktive iPad-Version, bspw. des aktuellen Titels „Was ich alles kann …“, eine Lernhilfe für Leseanfänger, funktionieren eigenständig und ergänzen sich gegenseitig. Die elektronische Fassung gibt es kostenfrei für iPad und Webbrowser. Das Buch ist als Broschur, gedruckt im PoD-Verfahren, erhältlich.

Jakob Fricke bricht das klassische Verlagsmodell auf, dessen Strukturen, Herstellungsprozesse wie auch dessen Kultur, das Denken und die Ökonomie. Wer im digitalen Geschäft erfolgreich sein möchte, so Fricke, der müsse auch digital denken können. Leider fehle oft im Management von Verlagshäusern dieses Denken und das entsprechende Know-how. Warum kann ein Verlag heute nicht ähnlich agieren wie Unternehmen aus der IT-Branche, in denen Produkte iterativ, in Versionen statt in (Nach-)Auflagen, in ganz anderen Zyklen entwickelt werden und leben? In denen die Nachfrage, Kunden und Bedürfnisse erheblichen Einfluss auf die Angebote und deren Produktion haben? Das hat viel mit der Entwicklungsgeschichte des Verlags- und Buchwesens sowie den beteiligten Unternehmen zu tun.

In meinem Artikel zu Verlage 3.0 wurden die Fragen nach mehr Experimentierfreudigkeit, Veränderungswillen und einem neuen Selbstverständnis bei den Verlagen gestellt. Jakob Fricke zeigt mit Viktor & Pettl, dass dies erfolgreich geht, auch mit wenig Budget, wenn man eben selbst Hand anlegt. Mehr über Jakob Fricke und sein „Labor“ kann man auf der ‚Ich mach was mit Büchern‘-Website wie auch auf Facebook und Twitter erfahren.

Ich möchte an dieser Stelle auf ein weiteres, sehr schönes und nützliches Angebot von Jakob Fricke hinweisen: generatedpaper.com, Druckvorlagen für den Alltagsgebrauch zum einfachen und kostenlosen Herunterladen. Karo- oder Linienpapier, Schreibhilfen für Schulanfänger, Notenpapier, Kalendervorlagen uvm., übersichtlich, sschnörkellos auf einer funktional gestalteten Website. Einfach gut! Warum macht er das? Wer nicht selbst macht und sich auch mal mit der Technik auseinander setzt, der wird „digital“ immer auch nur theoretisch verstehen. Dazu gehört Fehler zu machen, hinzufallen und wieder aufzustehen.

Danke anbei an den Laborleiter Jakob Fricke.

Eins, zwei, drei, Verlag 3.0, wer ist dabei?

8. Februar 2011 § 25 Kommentare

Mich beschäftigt derzeit eine spannende Frage: Werden und müssen Buchverlage sich künftig über die Branchengrenze hinaus neu positionieren – müssen sie neben ihrem eigentlichen „Verlagsgeschäft“ neue Angebote schaffen und sich neue Kompetenzen aneignen, um den Veränderungen am Markt trotzen zu können? Dazu möchte ich auf einen interessanten Blogpost hinweisen. Darin heißt es:

Das technische Verbreitungsmedium Internet war das Aus für viele Verwertungsmodelle der Kreativwirtschaft. Es wird auch das Aus für die Branchengrenzen innerhalb der Kreativwirtschaft sein. Deshalb stellt sich für Unternehmen bei der Auseinandersetzung mit neuen Geschäftsmodellen zuerst die Frage, in welcher Branche sie sich morgen bewegen werden.

Das schreibt Hergen Wöbken, Geschäftsführer des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) in Berlin in dem Blogartikel Wer nicht experimentiert, verliert – über das Ende der Branchengrenzen in der Kreativwirtschaft. Bedeutet das für (Buch-)Verlage künftig, dass diese sich neben der Erstellung von Printprodukten sowie neuen elektronischen Formen, wie Apps und E-Books, auch als Produzenten in den Bereichen Kunst, Kultur, Musik, Film und Internet beweisen müssen, um sich von großen monopolartigen, eierlegenden Wollmilchsäuen nicht abhängen zu lassen?!

Weiter – wenn auch aus etwas anderer Perspektive –  geht in der Fragestellung Ehrhardt Heinold von der Heinold, Spiller & Partner Unternehmensberatung GmbH. Er beschäftigt sich neben neuen Geschäftsmodellen mit der strategischen (Neu-)Ausrichtung von Verlagen und „fordert“ den neuen Typus Verlag 3.0:

Der Verlag 3.0 bietet nicht nur Medien in allen Formen und Formaten, sondern vernetzt sich zudem intensiv mit seinen Kunden. Kernkompetenz des Verlages ist die Erfüllung von Kundenwünschen, erstrangig in den Bereichen Information und Unterhaltung, zunehmend aber auch in Servicebereichen.

Das Erstellen von Content und die mehr-mediale Aufbereitung dieser Inhalte werde zukünftig nicht mehr ausreichen. Die Verlage müssten mehr auf innovative und flexible Services, Kundenkommunikation und -vernetzung sowie neue Produktlösungen setzen.

Ich bin der Meinung, im Mittelpunkt muss der Kunde mit seinen individuellen, persönlichen Bedürfnissen und Wünschen stehen. Und die Kunden dürfen nicht als dasselbe anonyme Einheitswesen betrachtet und nach dem Motto ‚one-size-fits-all‘ bedient werden. Es geht um eine sinnvolle Ergänzung der bestehenden, klassischen Print-Produkte durch maßgeschneiderte und kundenorientierte Zusatzprodukte. Auf der einen Seite: Informationen, Specials und exklusive Angebote zum Buch, zum Thema drum herum, über den Autor; darüber hinaus Foto-, Audio- und Filmmaterial, interaktive Inhalte, Anwendungen und Spiele, verknüpft mit speziellen (realen) Events und Aktionen, wie z.B. Alternate Reality Games und local-based Services, bis hin zum live-moderierten Austausch innerhalb einer eigenen Web-Community. Andererseits sind Tutorials, web-based Trainings, Webinare, Networkingveranstaltungen, Workshops, Camps, Messen für spezielle Kundengruppen und vieles mehr denkbar.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Was funktioniert, was bei den Menschen ankommt, kann mittlerweile sehr gut in Social Media beobachten werden. Dort geht es in erster Linie um Menschen, deren Emotionen wie auch Begeisterung für Geschichten und Gespräche. Menschen erfahren, erleben und erzählen sich gerne Geschichten, sie wollen teilhaben an interessanten und spannenden Gesprächen. Sie sind bereit, wenn sie „mitten ins Herz getroffen“ wurden, diese Erlebnisse weiter zu tragen und zu empfehlen. In die Leser, in deren Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse müssen sich Verlage hineinversetzen, also mittels Social Media, wo es möglich ist, mit der Zielgruppe auf Augenhöhe und einem hohen Maß an Interaktion, Dialog und Service zu kommunizieren. Produkte und Zusatzangebote müssen künftig noch mehr erlebbar sowie spürbar werden und mit dem Leser noch enger zusammenrücken. Nur so kann eine intensivere und nachhaltigere Integration und Vernetzung von und mit bestehenden wie auch potenziellen Kunden stattfinden.

Welche Verlage stellen sich ernsthaft dieser Aufgabe und der damit verbundenen Herausforderungen an Management und Marketing-Know-how sowie technischer, finanzieller und personaler Ressourcen und machen mit beim Experiment Verlag 3.0?

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