bbh10 – Books Brains Hamburg 2010

29. September 2010 § 5 Kommentare

Am vergangenen Samstag war es nun endlich so weit: Das 1. Hamburger bbh10 fand statt. Ursprünglich hieß es „Quasselcamp“ bzw. war es als „BuchSW-Treffen“ bekannt gemacht worden. Beim Blick auf die Teilnehmerliste und die geballte Wissens- und Geisteskraft der Gäste war dann aber klar, dass das Treffen anders bezeichnet werden müsste.

Einen ausführlichen Bericht über das erste bbh10 zu schreiben, würde kein leichtes Unterfangen werden – das war mir bereits nach nicht einmal einer viertel Stunde Diskussion klar. Und da wir hochkonzentriert, auf sehr hohem Niveau und fast pausenlos an die 7(!) Stunden diskutierten, möchte und kann ich hier nur ein kompaktes Stimmungsbild des überaus spannenden und ergiebigen Abends wiedergeben.

Aus Stuttgart, Frankfurt, Köln und Hamburg waren Onliner und PR-Leute aus Verlagen, eine Downloadportal-Managerin, ein Verbandsreferent, Verlags- und Online-Marketing-Berater sowie eine E-Magazin-Herausgeberin und last but not least ein waschechter Buchhändler in die Hansestadt gekommen. Die über doodle angemeldeten Branchenköpfe fanden sich um Punkt 19.00 Uhr zum Treffen ein. (Nur so nebenbei, was aber sehr schön war und unbedingt zu solchen Veranstaltungen gehört: Am Vorabend und am Samstagnachmittag traf man sich bereits in kleinen Runden zum Social Networking-Rahmenprogramm mit Besuch beim Portugiesen und einer Schifffahrt auf der Elbe.)

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wurde bei Zwiebelkuchen, Quiche und Wein sofort munter drauflos diskutiert.

Der Themenbogen wurde weit gespannt.

Zunächst wurden kritische Fragen rund um E-Reader und E-Books ins Rennen geschickt: Woran liegt es, dass E-Books/E-Reader nach wie vor nicht ins Laufen kommen? Warum tun sich Verlage so schwer, eine richtige Strategie zu finden? Die einen schieben es auf das schwierige Pricing (Preisbindung?!), die anderen auf die fehlenden Verträge mit den Autoren. Dann stellt sich die DRM-Frage und es gibt den unzufriedenen Kunden, aufgrund unausgereifter Technik und vieler verschiedener Reader. Welche Distributionswege und -modelle sind zu wählen, welche Formate? Haben es kleinere Verlage oft leichter, weil sie aufgrund flacher Hierarchien oder einfacher Verlagsstrukturen schneller sind? Welche Motivation und Interessen stehen eigentlich hinter der Entwicklung und weiteren Verbreitung – oder welche dagegen, und welche Rolle spielen dabei die Anbieter der E-Reader? Wo liegen die Unterschiede bei Belletristik- und Fach-Verlagen? Warum geht das ganze Thema eigentlich größtenteils am stationären Buchhandel vorbei, der kaum Unterstützung durch die Anbieter erfährt?  Wer ist verantwortlich, müssen der Börsenverein, die Anbieter oder die Händler sich mehr einmischen? Liegt es an den allgemeinen Ängsten? Müssen diese endlich abgelegt werden? Wer soll für diese Probleme Lösungen bereitstellen? Ja, an den Lösungen hängt es ein wenig, um es milde zu formulieren. Auch dem kompetenten Kreis der Anwesenden fehlte DIE Lösung.

Dann ging es im Diskussions-Karussell darum, was künftig einen Verlag auszeichnen wird. Welche Rolle wird er in Zukunft spielen, welche Organisationseinheiten braucht ein Verlag künftig überhaupt noch? Auch das Thema Changemanagement kam hier ins Spiel. Und das sich verändernde Lesen, Leseverhalten und die (schwindende) Rolle des Buches als Kulturgut sowie die Fragestellung, ob nicht irgendwann die existierende Preisbindung einfach irrelevant würde, wenn Content immer mehr aufgesplittert und in unterschiedlichsten neuen Bundles zusammengeschnürt und vertrieben wird.

Interessant war auch die Diskussion über Möglichkeiten und Chancen von Veranstaltungsformaten für die Buchbranche, um mehr Bewegung, Engagement und Vernetzung in Sachen Digitalisierung zu erzielen. Buchcamp, AKEP-Jahrestagung wie auch die Buchdigitale in Berlin wurden kritisch beäugt. Ideen wurden gesammelt, wie man Teilnehmer besser ab und ins Boot holen kann. Braucht es weniger Frontal-Aktionismus und mehr aktive Mitmach-Angebote? Dazu ein Teilnehmer: „Wir vermitteln Wissen und Inhalte des 21. Jahrhunderts mit Methoden aus dem 19. Jahrhundert!“

Dazwischen wurde natürlich immer wieder das Thema, das derzeit keinen loslässt, aufgegriffen: Social Media. Es ging um Erfolgsfaktoren sowie die Sinnhaftigkeit der Social Networking Plattformen für Verlage und über Chancen des Online-Marketing im Allgemeinen wie auch um konkrete Fragen, wie man mehr Follower und Fans gewinnen könne. Was bringen Verlagen und Buchhändlern Fans auf Facebook? Sind dort die Kunden zu finden? Muss ein Verlag überhaupt seine Kunden kennen? Übernehmen dieses Wissen, die Rolle eines CRM vielleicht sogar andere, womöglich große Plattformen?

Auch wenn an diesem Abend viele Fragen offen blieben und viele dieser Punkte die Branche und die Zeit richten müssen, so konnten alle Teilnehmer folgende Antworten und Lösungen mit nachhause nehmen:

Denn, worum es in der Branche geht und auch an diesem Abend ging, ist die Notwendigkeit einer stärkeren Vernetzung innerhalb der Branche – ganz gleich ob zwischen Anbietern und Händlern, Händlern und Endkunden, Anbietern und Endkunden oder dieser Gruppen untereinander. Es muss mehr miteinander gesprochen werden, auch im persönlichen Austausch und Kontakt, es muss noch mehr um das konkrete „How-to“ gehen und nicht mehr ums „was“ und ob“. Ängste müssen beseitigt werden. Das richtige Gestalten und Organisieren von Veränderungsprozessen, Changemanagement, das nicht an den Betroffen und Beteiligten vorbeigeht, wird gefragt sein. Denn immer noch gilt: publishing business is people`s business.

Solche Treffen wie das bbh10 sollen anregen und fördern, nicht mit erhobenem Zeigerfinger, aber sie sollen doch auffordern mit mehr Mut den Dialog zu suchen und einfach zu machen.

Alle Teinehmer waren begeistert von dem netten und gehaltvollen Abend. Wir wollen uns wieder treffen, zum bbh11, das ist sicher! In welchem Rahmen, ob größer oder mit einem richtigen Programm, vielleicht dann auch mit Autoren, mit Vertretern aus anderen Medienbereichen, mit Live-Stream … das werden wir sehen. Geplant wird ein Themenschwerpunkt und es wird aktiv gearbeitet werden, um handfeste Antworten und Lösungen zu entwickeln.

Anmerkungen, Kritik und Vorschläge zum bbh10 sowie für das bbh11 nehme ich gerne entgegen.

Herzlichst, Euer Carsten Raimann.

P.S. Wir sehen uns hoffentlich auf der Frankfurter Buchmesse!

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