Eins, zwei, drei, Verlag 3.0, wer ist dabei?

8. Februar 2011 § 25 Kommentare

Mich beschäftigt derzeit eine spannende Frage: Werden und müssen Buchverlage sich künftig über die Branchengrenze hinaus neu positionieren – müssen sie neben ihrem eigentlichen „Verlagsgeschäft“ neue Angebote schaffen und sich neue Kompetenzen aneignen, um den Veränderungen am Markt trotzen zu können? Dazu möchte ich auf einen interessanten Blogpost hinweisen. Darin heißt es:

Das technische Verbreitungsmedium Internet war das Aus für viele Verwertungsmodelle der Kreativwirtschaft. Es wird auch das Aus für die Branchengrenzen innerhalb der Kreativwirtschaft sein. Deshalb stellt sich für Unternehmen bei der Auseinandersetzung mit neuen Geschäftsmodellen zuerst die Frage, in welcher Branche sie sich morgen bewegen werden.

Das schreibt Hergen Wöbken, Geschäftsführer des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) in Berlin in dem Blogartikel Wer nicht experimentiert, verliert – über das Ende der Branchengrenzen in der Kreativwirtschaft. Bedeutet das für (Buch-)Verlage künftig, dass diese sich neben der Erstellung von Printprodukten sowie neuen elektronischen Formen, wie Apps und E-Books, auch als Produzenten in den Bereichen Kunst, Kultur, Musik, Film und Internet beweisen müssen, um sich von großen monopolartigen, eierlegenden Wollmilchsäuen nicht abhängen zu lassen?!

Weiter – wenn auch aus etwas anderer Perspektive –  geht in der Fragestellung Ehrhardt Heinold von der Heinold, Spiller & Partner Unternehmensberatung GmbH. Er beschäftigt sich neben neuen Geschäftsmodellen mit der strategischen (Neu-)Ausrichtung von Verlagen und „fordert“ den neuen Typus Verlag 3.0:

Der Verlag 3.0 bietet nicht nur Medien in allen Formen und Formaten, sondern vernetzt sich zudem intensiv mit seinen Kunden. Kernkompetenz des Verlages ist die Erfüllung von Kundenwünschen, erstrangig in den Bereichen Information und Unterhaltung, zunehmend aber auch in Servicebereichen.

Das Erstellen von Content und die mehr-mediale Aufbereitung dieser Inhalte werde zukünftig nicht mehr ausreichen. Die Verlage müssten mehr auf innovative und flexible Services, Kundenkommunikation und -vernetzung sowie neue Produktlösungen setzen.

Ich bin der Meinung, im Mittelpunkt muss der Kunde mit seinen individuellen, persönlichen Bedürfnissen und Wünschen stehen. Und die Kunden dürfen nicht als dasselbe anonyme Einheitswesen betrachtet und nach dem Motto ‚one-size-fits-all‘ bedient werden. Es geht um eine sinnvolle Ergänzung der bestehenden, klassischen Print-Produkte durch maßgeschneiderte und kundenorientierte Zusatzprodukte. Auf der einen Seite: Informationen, Specials und exklusive Angebote zum Buch, zum Thema drum herum, über den Autor; darüber hinaus Foto-, Audio- und Filmmaterial, interaktive Inhalte, Anwendungen und Spiele, verknüpft mit speziellen (realen) Events und Aktionen, wie z.B. Alternate Reality Games und local-based Services, bis hin zum live-moderierten Austausch innerhalb einer eigenen Web-Community. Andererseits sind Tutorials, web-based Trainings, Webinare, Networkingveranstaltungen, Workshops, Camps, Messen für spezielle Kundengruppen und vieles mehr denkbar.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Was funktioniert, was bei den Menschen ankommt, kann mittlerweile sehr gut in Social Media beobachten werden. Dort geht es in erster Linie um Menschen, deren Emotionen wie auch Begeisterung für Geschichten und Gespräche. Menschen erfahren, erleben und erzählen sich gerne Geschichten, sie wollen teilhaben an interessanten und spannenden Gesprächen. Sie sind bereit, wenn sie „mitten ins Herz getroffen“ wurden, diese Erlebnisse weiter zu tragen und zu empfehlen. In die Leser, in deren Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse müssen sich Verlage hineinversetzen, also mittels Social Media, wo es möglich ist, mit der Zielgruppe auf Augenhöhe und einem hohen Maß an Interaktion, Dialog und Service zu kommunizieren. Produkte und Zusatzangebote müssen künftig noch mehr erlebbar sowie spürbar werden und mit dem Leser noch enger zusammenrücken. Nur so kann eine intensivere und nachhaltigere Integration und Vernetzung von und mit bestehenden wie auch potenziellen Kunden stattfinden.

Welche Verlage stellen sich ernsthaft dieser Aufgabe und der damit verbundenen Herausforderungen an Management und Marketing-Know-how sowie technischer, finanzieller und personaler Ressourcen und machen mit beim Experiment Verlag 3.0?

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§ 25 Antworten auf Eins, zwei, drei, Verlag 3.0, wer ist dabei?

  • Erst einmal schön, daß Du wieder unter den Gesunden bist! Zu Deinem Beitrag: ich habe enorme Schwierigkeiten mit dem Begriff Verlag 3.0? Was is denn Verlag 1.0 und 2.0? Was wäre denn dann Verlag 4.0 oder 5.0?
    Ohne Zweifel soll der Verlag möglichst alle nützlichen Wege der Kommunikation mit seinen Autoren und Lesern beschreiten, jedoch kann er dies doch auf dem klassischen Wege und in Kombination mit Social Web. Daher verstehe ich Ehrhardt Heinolds Definition in Abgrenzung zu 1.0 und 2.0 nicht.

    • craimann sagt:

      Liebe Wenke, danke für deinen Kommentar. Es geht beim Verlag 3.0 ja nicht allein um Kommunikation zwischen Verlag und Kunden mittels sämtlicher zur Verfügung stehender Kommunikationsmittel und -kanäle, sondern ja vielmehr um eine erweiterte Wertschöpfung und Angebotspalette und wie der Verlag insgesamt aufgestellt ist. Verlegt dieser Printprodukte oder entwickelt er noch darüberhinaus weitergehende Produkte und Lösungen und kümmert er sich intensiv um seine Kunden(beziehungen). Vielleicht müsste man noch ein Beispiel ergänzen. Ich denke der Ulmer Verlag geht mit all seinen Angeboten und Dienstleistungen schon sehr gut in die Richtung verlag 3.0!

  • @Carsten Wenn du schon den Ulmer Verlag nennst… ;-)
    Ich habe ähnlich wie Wenke etwas mit der Duchnummerierung Probleme, gebe aber zu, dass es in der plakativen Verdeutlichung Vorteile hat. Zudem ist es selbst in kleineren Unternehmen schwierig, dies Unternehmensübergreifend zu definieren – ich habe, um bei der Nomenklatur zu bleiben, durchaus Kollegen 1.0, aber auch Kollegen 4.0.
    Letzten Endes ist es die Frage, ob sich ein Verlag über sein Produkt definiert oder (wie du ja richtig sagst) über seine Zielgruppe. Ersteres haben wir seit Jahrhunderten gemacht und totes Holz bedruckt. Kennen wir, wissen wir, kein Problem. Funktioniert nur nicht mehr für Verlage, jedenfalls für alle in der gewohnten Breite – es wird durchaus klassisch holzbedruckende Verlage auch in weiterer Zukunft geben, warum nicht?
    Alle anderen haben das Problem, sich in Seitenarme zu begeben, die teils völlig neu sind (sieht man mal von Unternehmungen in Richtung Radio ab, was Verlage in der Vergangenheit mit wenig Erfolg ja gemacht haben).
    Das überfordert die meisten und ich finde es auch nicht sinnvoll. Hier wird ein verstärktes Kooperationenmodell gefragt sein, etwa ein Softwareanbieter in meiner Zielgruppe, dessen Produkte ich mit meinen Inhalten anreichere. Das kann ein kooperatives Gemeinschaftsprojekt sein, jeder mit seinen Stärken.
    Ich sehe jedenfalls die meisten Verlage nicht als Filmersteller, Softwareproduzenten o.ä.

    • craimann sagt:

      Danke dir, Steffen, für deinen tollen Kommentar. Das macht natürlich immer Sinn für bestimmte Bereiche, also die „Seitenarme“ auch (externe) Spezialisten und Kooperationspartner einzubinden! Dennoch denke ich, dass diese genannten Grenzen teils immer mehr aufweichen oder verschwimmen werden, Stichwort „Konvergenz“. Wichtig erscheint mir vor allem aber auch der Punkt mit der „Zielgruppe“. Ich kann mir sogar vorstellen, dass Verlage künftig eine neue Stelle besetzen werden, nämlich die des Zielgruppenmanagers, der Angebots- und medien-übergreifend für bestimmte Kunden-/Altersgruppen verschiedenste Produkte entwickelt.

  • Spannender Beitrag! Spannende Diskussion! Da möchte ich mich gerne noch einbringen.

    Ich halte den Gedanken, dass Verlage in andere Bereiche vordingen, für richtig und wichtig! Verlage werden in Zukunft gar nicht drum herum kommen, sich breiter aufzustellen. Und natürlich stimmt der Hinweis von Steffen Meier, dass dies am ehesten über Kooperationen bewältigt werden kann. Aber gleichzeitig mit dem breiter aufstellen, werden Verlage sich klarer fokussieren müssen. Das sieht nach einem Widerspruch aus, ist aber eigentlich die logische Konsequenz. Verlage werden sich fragen müssen (und zwar immer und bei jedem Produkt auf´s Neue): Aus welchem Stoff mache ich welches Produkt – und das natürlich abgestimmt auf die jeweilige Zielgruppe. Das geht schon eher in Richtung „Agentur“. Da macht man aus einem Manuskript vielleicht eher mal ein Spiel als ein Buch. Inwieweit Verlage die Umsetzung tatsächlich selbst vornehmen oder eher als Rechtehändler auftreten, ist eine andere Frage. In gewissem Sinne machen das Verlage ja auch schon, z.B. bzgl. Filmrechten. Der Unterschied liegt vor allem im Grundverständnis der Verlage. Solange die Denke ist „jetzt mache ich erstmal das Printbuch und danach denk ich über Zusatzprodukte nach“ sind wir jedenfalls noch in einer ganz alten Welt und bewegen uns m.E. nirgendwo hin!

    • craimann sagt:

      Lieben Dank, Frau Schwehr, für Ihren Beitrag. Völlig d’accord. … wir haben ja übrigens noch ein Telefonat offen. Ich denke immer noch dran! ;-)

      • Vielleicht treffen wir uns ja in Leipzig auf der Buchmesse? Ich bin Freitag, 18.03. und Samstag, 19.03. dort. Am Samstag halte ich übrigens zwei Vorträge, einmal zu Streetview Literatur und einmal zum „Journalistenbuch“, das auf euryclia jetzt gestartet ist. Vielleicht sehen wir uns ja auch da? Ich würde mich freuen!

  • Für mich besteht die Herausforderung für die Verlage vor allem darin, neue Wertschöpfungsketten zu entwickeln. Das werden sie nicht alleine können, sondern zusammen mit ihren (potenziellen) Kunden und Branchen, mit denen gemeinsam sich neue Produkte entwickeln und vertreiben lassen.
    Aber Verlag 3.0 würde ich das nicht nennen, denn Innovation war schon zu Zeiten von Verlag 1.0 eine Notwendigkeit.

  • Hallo Carsten,
    ohne auf das viele wichtige, zuvor Gesagte eingehen zu können kam mir heute morgen beim Buttermilch trinken [wieso ausgerechnet da führte jetzt zu weit] ganz einfach der folgende Gedanke: für alle länger am Markt positionierten, traditionellen, bisher funktionalen und rentablen Verlage war es eine wirtschaftlich enorme Leistung, genau dahin zu gelangen: Jahre- oder jahrzehntelang Work-Flow, Programm, Autorinnen, Mitarbeiterinnen, Handelskontakte – dann später eine Website [erinnert Euch, das ist erst ein paar Jahre her], alternative Vertriebskanäle, alternative Produkte und schließlich alternative Kommunikationstrategien aufzubauen. Problematisch wäre es nun nicht, diesen Prozess kontinuierlich auszubauen, Kooperationspartner zu suchen, Portfolios zu erweitern, ja sogar, die verlegerische Arbeit neu zu denken – problematisch ist allein das Tempo, mit der sich das Web und vor allem die mit ihm einhergehenden Veränderung der „Nutzeranforderungen“ [ums mal alles in ein Wort zu packen] sich entwickeln.
    Es ist die Postkutsche, die sich plötzlich einer Diesellok gegenüberfindet, die Typendruckmaschine, der Videorekorder, Amalgan etc. Die enormen Investitionsvolumina, die hier notwendig wären, um das zumindest partielle Überflüssigwerden des eigenen Angebots auf anderer Seite durch Forschung/Entwicklung aufzufangen, sehe ich bei hiesigen Verlagen nicht, zumindest nicht bei den 85% „in der Mitte“.
    Leider habe ich immer so ein Bisschen das Gefühl, wir reden von den nächsten 5 Jahren ohne die kommenden 50 auch nur anzukratzen.
    Ich glaube also, ums ganz kurz zu machen: es hängt an der Knete und es hängt daran, dass, seit es das Web gibt, immer nur die Ersten im jeweiligen Markt fett werden, während sich verlegerische Vielfalt immer für ein paar tausende lohnte.

  • @Katja Die Buttermilchgeschichte hätte mich jetzt schon interessiert ;-)
    Die hohe Entwicklungsgeschwindigkeit etwa bei Technologien ist doch eher eine von uns early adopters gefühlte – schau ich mir meine Zielgruppen an, ist übertriebene Hektik fehl am Platz, zumindest bis dort ein rentabler Massenmarkt entsteht (man schaue sich auch mal die ebook/eReader-Entwicklung an, die ja auch schon ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat).
    Dasselbe zum First-Mover-Effekt – daran glaube ich nur beschränkt, man schaue sich auch hier nur Apple an, die ja auch nicht das erste Smartphone auf den Markt brachten, hier aber alles richtig gemacht haben.
    Im Punkt Investition gebe ich dir allerdings recht – viele Verlage können dies nur durch Umschichtung, und das macht es auch nicht gerade einfacher in der Entscheidungsfindung, Mittel aus dem (noch) profitablen Print-Bereich etwa in neue Produkte/Kanäle/Personal (wie immer die aussehen mögen) zu stecken.

  • craimann sagt:

    Katja, vielen Dank für dein Statement! Ich möchte dir und Steffen antworten. Ich finde ja, die beiden Themen und Investitionen hängen ganz stark zusammen. Wenn denn Geld da ist, bspw. von externen Investoren, dann wollen die natürlich auch möglichst schnell rentable Ergebnisse sehen. Allein deswegen wird ja derzeit enorm aufs Tempo gedrückt, ganz unabhängig davon, ob der Markt vorhanden ist oder nicht. Leider sind viele Trends, Innovationen und Entwicklungen technik-getrieben, und da tun sich halt dann eher klassisch aufgestellte Unternehmen schwer mithalten zu können. (Ist jetzt nicht unbedingt nur auf Verlage bezogen)

  • Frank Krings sagt:

    Sehr anregender Artikel, ebenso anregende Kommentare. Für mich stellt sich eine grundsätzliche Frage für Verlage in der Zukunft: „Verlegt“ der Verlag primär eine Story oder primär Bücher? Wenn es um die Vermarktung einer Story geht, sollten einfach alle passenden Medien mitgedacht werden. Medienkonvergenz und so. Der Platz zwischen 2 Buchdeckeln müsste im Verlag 3.0 nicht mehr die erste Wahl bei der Vermarktung einer Story sein. Aber das hast du ja auch im Post bereits anklingen lassen.

  • Katja Splichal sagt:

    @Katja Die Buttermilchgeschichte hätte mich jetzt schon interessiert ;-)
    Hallo Steffen, [ich vergess immer ob wir per Du waren]
    Mir ging es gar nicht so sehr um die Entwicklungsgeschwindigkeit bei den Technologien – da haben wir alles mögliche im Blick und ich merk bei mir selber, wie schnell ich heiß laufe bei Sachen, die im verlegerischen Weltgeschehen dann doch Marginalien bleiben. Mir ging es mehr um grundsätzliche Modell – ich hab vor 6 Jahren mein Studium der Verlagswirtschaft begonnen und zunächst NICHTS von Geschäftsmodellen etc. pepe über das Gewohnte hinaus gelernt – ein Buch ist ein Buch eine Zeitung ist eine Zeitung – da war von Anzeigenkrise und dergleichen mehr die Rede, nicht aber von Mediennutzungsrevolution. Das ist einen Wimpernschlag her. Das Wartenn auf zentrale Massenmärkte denke ich mir eben, ist kein Mitentwickeln, kein Mitgestalten – kann sein dass ich da praxisfern verblühmt bin, und ich glaube, dass Autoren zunehmend Wege am Verlag vorbei suchen und finden, weil Sie Ihr Publikum direkter erreichen können, wenn die herkömmlichen Handelsstrukturen sich gen online verlagern. Können wir das Thema nicht ein Bisschen aufspalten, so spartenweise?
    Oder wie Frank das vorschlägt, vom Inhalt her gedacht. Thema begutachten, Mediengattungen festlegen, Kanäle sondieren, Agenturmodelle für die geeigneten Partner entwickeln. [oder umgekehrt] ach, ist das alles ein Salat. Erstmal ne Buttermilch.

    First-Mover: Ich glaube tatsächlich, dass sich themenschwerpunkte kristallisieren werden, die zu besetzten sind: Thema, Plattform, Experten, Content –> dann vielleicht irgendwann Publikation in Form xy. Ob sich diese Plattformen als Metaebenen in Großstrukturen entwickeln [Tendenz] oder spezifische Subkulturen entstehen, weiß der Gott der Nullen und Einsen.

    Allenthalben beruhigend aber zu lesen, dass sich Print noch lohnt und man sich auch in turbulenten Zeiten bisweilen ruhig die Entwicklung anschauen kann.
    Consequent mover statt first mover.

  • Katja Splichal sagt:

    @carsten:
    los, lass uns versuchen konkret zu werden – du schlägst ein Szenario vor und wir exerzieren mal exemplarisch ein Fallbeispiel!
    Butter bei die…

  • craimann sagt:

    Katja, super Punkte dabei! Ich finde die Diskussion hier einfach gut, weil sie zeigt – und wir kennen uns hier ja alle ein wenig aus in dem Fach, worüber wir reden -, dass es neben dem ‚Consequent Moving‘ (schöner Begriff:-) auf jeden Fall in Zukunft in verschiedene Richtung gehen wird, ich sag jetzt nicht kann oder muss, nein, es wird so sein. Denn es wird mehr und mehr Verlage geben, die neue Wege bestreiten und experimentiren werden. Sei es mit Produkten, (Medien-)Formaten, Zielgruppen, Content … Zufällig über ein Thema, dass bereits in einem Buch verarbeitet wurde, gestolpert (danke, Leander, fürs Aufspüren), das eine mögliche Richtung zeigt, wie es künftig laufen könnte: http://paperc.de/6822-from-web-2-0-to-publishing-2-0-9783898386326 Titel From web 2.0 to publishing 2.0 Es geht um den Einsatz von Innovation Communities im Buchverlag. Ich finde diese Idee hervorragend. Also los, exerzieren! Mache gerne mit und biete meine Hilfe an.

  • Ich greife einen Satz von Katja Splichal auf, weil ich ihn für elementar halte: „ich glaube, dass Autoren zunehmend Wege am Verlag vorbei suchen und finden, weil Sie Ihr Publikum direkter erreichen können, wenn die herkömmlichen Handelsstrukturen sich gen online verlagern.“

    Die Frage, die für die Entwicklung jeglicher Geschäftsstrategien zentral ist, lautet ja: Wer braucht Verlage und wozu?
    Leser brauchen keine Verlage. Sie nehmen sie nicht mal wahr.
    Und Autoren brauchen Verlage immer weniger. Das gilt zumindest für die Topliga, also die wirklichen Bestseller unter den Autoren oder diejenigen, die ganz spezielle Themen beackern und sich dort einen Namen machen, ich nenne sie „Nischen-Stars“ (und wie weit „runter“ das geht, wird sich nach und nach zeigen). Die Autoren, die sich gut verkaufen, sind es ja aber, die den Verlagen das Geschäftsmodell der Quersubventionierung ermöglichen. Was passiert, wenn diese Autoren, wie Katja Splichal richtigerweise sagt, bald nicht nur ohne Verlage können, sondern auch tatsächlich „tun“?!

    Dass dies passieren wird, halte ich für sehr wahrscheinlich, da die Leistungen, die Verlage bisher erbringen, für Top-Autoren an Bedeutung verlieren (und schon verloren haben). Um´s überspitzt zu sagen, haben (Groß-) Verlage lange Zeit von ihrem (exklusiven) Zugang zum (stationären) Buchhandel gelebt. In dem Maße wie der stationäre Buchhandel an Bedeutung verliert, mindert sich auch der Nutzen, den ein Verlag einem (Top-)Autor bieten kann. Denn alle anderen Leistungen (z.B. das tatsächliche Büchermachen) können anderweitig eingekauft werden. Selbst das eigentliche „Verlegen“, also das (Vor-)Finanzieren der Bücher kann ohne Verlage organisiert werden. Verlage müssen m.E. also die Frage „wozu Verlage“ für Autoren befriedigend beantworten. Und dazu müssen sie dringend weg vom Geschäftsfeld „Buch“ hin zum „Content“, um eine Vernetzung in ganz andere Bereiche hinein zu erreichen, die dann für (Top-)Autoren wieder interessant ist. …

    • Stefan Scholz sagt:

      Ich glaube, hierin wird eine wesentliche Hausaufgabe der Verlage bestehen: Ihre inhaltliche Bedeutung für das Werk eines Autors hervorzuheben: die Qualitäten Lektorat und grafische Aufbereitung eines Stoffes müssen betont werden. Von wievielen „Top-Autoren“ kann denn überhaupt gesprochen werden: die allermeisten benötigen das vertriebliche Wissen der Verlage – auch in alle sozialen Medien hinein -, um in der Vielfalt der Inhalte überhaupt wahrgenommen zu werden.
      Im fachlichen Verlagsbereich ist es oft gerade so, dass der Autor völlig unbekannt ist, aber die Verlagsmarke das „Qualitätssiegel“ für verlässliche, verbindliche Informationsbearbeitung ist.

      • Lektorat und „grafische Aufbereitung“ ist bei vielen Verlagen heute aber keine „Hausaufgabe“ mehr, sondern eher eine „Außer Haus-Aufgabe“, soll heißen, dass diese Aufgaben tatsächlich von externen Dienstleistern und Freiberuflern geleistet werden, bei denen sich die Autoren die Leistungen auch direkt einkaufen könnten. Also hier sehe ich den Mehrwert des Verlages tatsächlich nicht.

        Beim zweiten Punkt gebe ich Ihnen hinsichtlich Fachverlag absolut Recht. Hier haben es die Verlage tatsächlich geschafft sich als Marke und verlässlicher Informationsbroker zu positionieren. Bei den Publikumsverlagen ist das anders. Zwar sind die Autoren auch hier sehr stark auf die Marketingbudgets und die Vertriebsnetze der Verlage angewiesen, aber dies eben nur solange bis die Autoren selbst zur Marke geworden sind. Und das könnte (wenn sich die Entwicklungen des amerikanischen Marktes auch auf uns hier übertragen – und wann tun sie das nicht?) für die Publikumsverlage schwierig werden. Sie würden dann nämlich Autoren aufbauen und in dem Moment, in dem sich deren Bücher quasi von allein verkaufen, verlieren.

  • Stefan Scholz sagt:

    „Produkte und Zusatzangebote müssen künftig noch mehr erlebbar sowie spürbar werden und mit dem Leser noch enger zusammenrücken“ – klingt gut – aber was bedeutet das konkret?

    • craimann sagt:

      Hallo Herr Scholz, das kann ganz unterschiedlich aussehen: Es wurde hier in der übrigens tollen Diskussion schon einiges erwähnt. Es geht nicht einfach mehr darum, totes Holz zu bedrucken, sondern „Stories“ je nach Art, Inhalt, Umfang, Relevanz, Aktualität, Qualität, Exklusivität uvm. in die entsprechenden Medien und Formate wie auch Ausstattungen zu packen und mit dem anzureichern, was der Konsument sich wünscht. Es geht hier um ein gewissen Mehrwert gegenüber dem originären Produkt, sei dies ein Buch, Downloadmaterial, eine Website, …

      Es hängt natürlich schon sehr stark davon ab, über welche Themen und Verlage wir sprechen. Für Fach- und Wissenschaftsverlage haben Seminare, Workshops, Kongresse oder Messen sicher eine andere Bedeutung als für einen Belletristik-Verlag. Bei ersteren wird ja quasi etwas physisches spür- und erlebbar. Der Verlag tritt durch solche Maßnahmen im wahrsten Sinne des Wortes mit den Kunden in Kontakt. Aber auch bei Belletristik-Verlagen gilt: Wo und wann und vor allem wie kann ich als Verlag mittels Thema und Autor in Kontakt mit meinen Lesern kommen. Also, ein konkretes Beispiel: Der Käufer eines neuen Romans erhält mit dem neu erworbenen Buchexemplar einen exklusiven Gutschein für eine Autoren-Lesung per Live-Stream. So erleben auch die Leser ihren Autor, die keine Karte mehr für die Lesung vor Ort bekommen konnten, weil sie ausverkauft oder gar zu weit weg ist. Dazu wird durch dieses Zusatzangebot ein Anreiz geschaffen, ein Buchexemplar zu erwerben. Die Summe solcher und ähnlicher relativ unaufwändiger Aktionen stelle ich mir lohnend vor.

      • Stefan Scholz sagt:

        Wenn es um die beschriebenen Angebote (Messeauftritte, Lesungen (ggf. auch per Live-Stream) etc.) geht – dann wird es konkret und ich glaube auch, das da noch manches Potenzial für viele Verlage („aus der Mitte“) steckt – vor allem mit einem überschaubaren Aufwand zu realisieren und nicht „technikgetrieben“. Und übrigens auch Innovationsmöglichkeiten, viele diese „unaufwändigen“ Aktionen können verbessert werden oder es lassen sich ganz neue Möglichkeiten finden, die sich mit dem Kunden/Leser/NutzerInnen-Interesse treffen, eine – vor allem emotionale – Bindung erzeugen, Diskussionen anregen, die auch „nach Innen“ (also z.B. in die Programmplanung eines Verlages) wirken.

  • […] meinem Artikel zu Verlage 3.0 wurden die Fragen nach mehr Experimentierfreudigkeit, Veränderungswillen und einem neuen […]

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